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Gelassenheit

2. September 2021

Gelassenheit oder Gleichgültigkeit? Ein meilenweiter Unterschied

Als es vor längerer Zeit bei der Diskussion einer kritischen Frage hoch herging, sagte der beteiligte DAX-Vorstand plötzlich zu mir:

„Herr Kolbusa, wissen Sie, was das ist?“

Dabei zeigte er auf ein riesiges eingerahmtes Plakat hinter mir, das offensichtlich einen Teil des Weltalls darstellte. Ohne eine Antwort abzuwarten, deutete er auf die rechte untere Ecke des Bildes, wo eine Staubwolke zu sehen war:

„Eines dieser Staubkörner da, das sind wir.“

Das Ganze war der großformatige Druck einer Aufnahme des Hubble-Teleskops und zeigte einen kleinen, jedoch riesengroß anmutenden Ausschnitt des Universums, in dem unser schöner blauer Planet Erde nicht mehr als ein winziges Pünktchen war. Was hatte dieser Hinweis mit unserer Diskussion zu tun, die sich um die Schwierigkeiten bei der Umsetzung einer neuen Strategie drehte? Vereinfacht gesagt war es ein Perspektivwechsel, der die Leidenschaften in ein neues Licht rückte, mit denen jeder der Beteiligten seine Position vertrat: Alles, aber auch alles, was wir tun, ist mit etwas Abstand betrachtet ziemlich unbedeutend.

Das große Ganze sehen, auch wenn man das Kleine tut

Jetzt mögen Sie sich fragen, wie Ihnen diese Sicht auf das große Ganze im Managementalltag behilflich sein soll. Sicherlich bedeutet das nicht, dass wir uns bei der Lösung eines drängenden Problems keine Mühe geben sollten. Ebenso wenig, dass wir die Dinge mit stoischer Gelassenheit ignorieren und einfach abwarten sollen, obwohl Letzteres in einigen Fällen tatsächlich von Vorteil sein kann. Nein, es geht keinesfalls um eine grundsätzlich passive Haltung.

Das angeführte Beispiel zeigt uns vielmehr, dass wir uns selbst und unsere Angelegenheiten nicht so wichtig nehmen dürfen. Zum einen, weil wir trotz all unserer Bemühungen ziemlich wenig beeinflussen können, und zum anderen, weil es folglich wenig bringt, uns ständig verrückt zu machen, indem wir hin und her überlegen, was alles schief- oder nicht schiefgehen könnte. Was uns auch bei schwierigen Aufgaben wirklich weiterhilft, ist eine Haltung der Gelassenheit.

Das Gegenteil davon ist übrigens Perfektionismus, der – so erlebe ich es immer wieder – nichts anderes ist als ein Auswuchs von Unsicherheit.

Der Geschäftsführer eines Automobilzulieferers war kurz davor zu verzweifeln, als er mir darlegte, wie unkooperativ die verschiedenen Bereiche seines Unternehmens agierten und dass die Produktivität seit längerem auf dem derzeitigen Niveau verharrte und einfach nicht zunahm. Es war purer Stress, der den Mann verzweifeln ließ. Stress bedeutet letztlich nichts anderes, als dass wir die Realität nicht akzeptieren können. Kaum einen Manager lässt es kalt, wenn seine Handlungsoptionen, besonders unter kritisch anmutenden Umständen, begrenzt sind.

Nachdem wir einige intensive Gespräche geführt hatten, fing der Geschäftsführer an, die Situation so zu akzeptieren, wie sie nun einmal war. Zugleich loteten wir aus, was getan werden konnte, um die ganze Sache zumindest ein Stück weit in eine andere Richtung zu lenken. Entscheidend dabei war, dass er einsah, dass diese Veränderung Zeit benötigte und die momentane Situation nicht kriegsentscheidend war – vor allem für ihn selbst. Ob die Produktivität in den nächsten Wochen um zwei Prozent zunahm oder nicht, war nur von relativer Bedeutung. Diesem Bewusstsein von Relativität darf durchaus eine gewisse Gelassenheit innewohnen, die jedoch keinesfalls mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist, denn das wäre fatal und unverantwortlich!

Ziele im Auge behalten, Aktionismus und Klein-Klein vermeiden

Für den Geschäftsführer und seine Mitarbeiter bedeutete dies:


Sie mussten das Ziel im Auge behalten und durften sich nicht im Klein-Klein der aktuellen Aktivitäten und Probleme verlieren.Auf dieses altbekannte Problem stoße ich bei jedem Strategieprojekt, mit dem ich zu tun habe: Stets kommt irgendwann der Zeitpunkt, zu dem sich alle Manager über irgendwelche Marktbewertungen hermachen und nutzlose Diskussionen darüber anzetteln, welches Kriterium jetzt wie zu bewerten sei, um die Geschäftsfelder gegeneinander abzuwägen.

Gelassenheit

Bildquelle: AdobeStock Ralph Geithe


Das Resultat: ein totaler Stillstand, der alle Beteiligten schier verzweifeln lässt. Ob wir diese oder jene Entscheidung treffen, ist häufig gar nicht so wichtig, wie wir in diesem Moment glauben. Das Einzige, was zählt, ist, ob wir überhaupt vorankommen.

Als ich vor einiger Zeit von einem großen E-Commerce-Händler um Unterstützung gebeten wurde, befand sich dieser in einem komplexen Abwägungsprozess, der durch kräftezehrende Streitereien unter den Managern gekennzeichnet war. Die dafür nutzlos aufgewendete Energie wäre besser in die Umsetzung einer Entscheidung geflossen. Aus diesem Grund habe ich dafür gesorgt, dass diese Entscheidung möglichst schnell getroffen wurde.

Dabei ist es zweitrangig, ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist. Vielmehr geht es einzig und allein darum, ob eine Entscheidung nützlich ist oder nicht. Eindeutig unnütz sind in der Regel solche Entscheidungen, um die allzu lange gerungen wird oder die ewig aufgeschoben werden.

Konstruktiv gelassen: Auf den Prozess kommt es an

Der Prozess ist in den meisten Fällen wichtiger als das beabsichtigte Ergebnis. Wenn wir unserem aktuellen Tun mehr Bedeutung beimessen als dem, was nachher dabei herauskommt, erzielen wir wundersamerweise für gewöhnlich sehr gute Ergebnisse.

Deshalb gilt: Seien Sie niemals gleichgültig und bleiben Sie gelassen. Das aber auf konstruktive Art und Weise.

Ihr

Matthias Kolbusa



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