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Logik und Intution

2. Dezember 2020

Bauchgefühl statt Gedankenbingo: Vertrauen Sie Ihrer Intuition

„Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir etwas übersehen haben. Wieso haben wir so viele Kunden verloren, obwohl die Reklamationsquote und die Servicebewertungen gleich geblieben sind?“
„Das ist für unseren Plan egal. Wir ziehen die neue Initiative durch und ködern die Kunden mit befristeten Rabatten und dauerhaft besseren Lieferkonditionen. Damit gleichen wir die Delle locker wieder aus!“

Die Idee, vor dem Start der Initiative zur Kundenrückgewinnung noch eine Marktanalyse durchzuführen, wird mit einem „Unnötig, zu teuer und dauert zu lange“ vom Tisch gewischt. Ein halbes Jahr später ist man jedoch schlauer: Die Rabatte haben die Kunden gerne mitgenommen, aber sie blieben Eintagsfliegen. Der Fehlschlag hat Geld und Zeit gekostet, die man besser in ein schlankeres Portfolio und in Innovationen gesteckt hätte. Warum hat das Managementteam der Intuition des Vertriebschefs nicht vertraut und nicht auf ihn gehört?

Dieses Beispiel demonstriert, wie schnell Dinge schiefgehen können, wenn man sein Bauchgefühl ignoriert, weil man unbeirrt an einer Kopfgeburt festhalten will. Die gute Nachricht hinter dieser Geschichte lautet:

Unsere Intuition ist immer schon da. Wir müssen nur lernen, auf sie zu hören und ihr zu vertrauen. Dabei ist sie oft kein Einzelkämpfergefühl, sondern Teil der Schwarmintelligenz, die wir bewusst stimulieren sollten.

Bleibt es im Meeting nach einem ambitionierten Vorschlag verdächtig still, werden wir aktiv: „Gibt es irgendetwas, das uns bei dieser Initiative unsicher macht?“ Nicht selten hat jemand einen Einwand, wagt aber nicht, sich gegen die vom Plan berauschte Mehrheit zu stellen. Motivieren wir diese konstruktiven Bauchzweifler jedoch dazu, den Mund aufzumachen, werden wir uns wundern, was uns alles zu Ohren kommt, das uns andernfalls verborgen geblieben wäre. Ein Sieg des Erkenntnisgewinns!

Dies gilt im Übrigen nicht nur, wenn wir Fehlschläge verhindern wollen, sondern auch dann, wenn wir einen Geistesblitz im ersten Moment für eine Schnapsidee halten. Sollten wir im Bereich digitaler Plattformen mit einem Mitbewerber gemeinsam forschen, um die chinesische Konkurrenz auszustechen? Eigentlich undenkbar – oder vielleicht doch nicht? Unsere Intuition muss nicht jedes Mal richtigliegen, aber wenn wir am Jahresende die Rechnung aufmachen, werden wir feststellen, dass es sich rentiert hat, unserem Kopf den Bauch als ebenbürtigen Diskussionspartner zur Seite zu stellen.

Intuition ist eine durch Erfahrungswissen und Gespür gespeiste, unbewusste Mustererkennung.



Bauchgefühl statt GedankenbingoSie ist ein Gespür, das sich jenseits der Logik manifestiert, an die wir uns so gerne klammern. Sie ist keine Einbildung und keine Laune der Natur. Unser Unbewusstes verarbeitet Unmengen an Informationen, die wir auf der obersten mentalen Ebene unmöglich verarbeiten können, und signalisiert uns, dass etwas nicht stimmen könnte. Im täglichen Management wird der Wert der Intuition unterschätzt, vor allem von Managern, die sehr rational und kennzahlenorientiert sind und für die vorwiegend das greifbar ist, was sich kausal fassen lässt.


Ohne die Intuition würden wir als Menschen und Manager viele unglückliche, übereilte oder unzureichende Entscheidungen treffen. Leider ist diese wichtige innere Institution bei vielen von uns verschüttet und nicht geschult. Meldet sie sich dann aber doch einmal zu Wort, gehört viel Mut dazu, sich von seinem Bauchgefühl leiten zu lassen. Mut, weil man eigentlich noch eine Runde Gedankenbingo spielen möchte, und Mut, sich gegen die Bedenkenträger durchzusetzen, die lieber die zehnte unsinnige Mitarbeiterbefragung durchführen, bevor sie die viel zu teure Kantinenküche dichtmachen und einen Vertrag mit einem versierten und deutlich kostengünstigeren Caterer abschließen.

Dass wir Menschen den meist diffusen Meldungen unseres Bauches nur ungern folgen, bringt uns zeitlebens in schwierige Situationen. Würden wir der Intuition öfter vertrauen, bräuchten wir Coaches nur noch in Ausnahmefällen, die uns sagen, wie wir leben und arbeiten sollen. Denn das meiste „wissen“ wir selbst, wenn auch zumeist unbewusst: gesund essen, Zeit mit Familie und Freunden verbringen, einer befriedigenden, sinnvollen Arbeit nachgehen, die Bewegung in der Natur genießen und eine ausgeglichene Work-Life-Balance pflegen, um nur einige Punkte zu nennen.

Dass das perfektionistische Feilen an einem Paper oder einer Präsentation das Ergebnis zwar schöner, aber nicht aussagekräftiger macht, spüren wir intuitiv, bevor wir uns doch weiter damit abmühen. Würden wir unserem Bauchgefühl vertrauen, könnten wir diese Zeit fruchtbareren Themen widmen. Planen Sie also bei Ihrem nächsten Strategiemeeting bewusst eine „Bauchrunde“ ein: Jeder Teilnehmer soll sagen, ob „da unten“ etwas zwickt, wenn er bewertet, was das Oberstübchen ausgeknobelt hat.

Vergessen Sie nie: „Der Kopf sagt Nein, der Bauch sagt Ja. Der Kopf ist klüger als der Bauch, und der Klügere gibt nach.“ Wer so verfährt – nicht immer, aber immer öfter –, wird über kurz oder lang ein besserer Manager.

Ihr Matthias Kolbusa


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