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1. April 2021

Bild: AdobeStock Prazis Images

Kein Erfolg ohne Gier und Größenwahn

Im Management wie im Leben allgemein hat die Gier keinen sonderlich guten Ruf.

Wer gierig ist, heißt es, übervorteilt andere, hält sie klein, um größer zu wirken, und heimst prestigeträchtige Quick Wins ein, ohne sich um langfristige Perspektiven zu scheren. Der Gierige hat nur seinen Nimbus, seinen Vorteil und seinen Kontostand im Auge und nimmt keine Rücksicht auf wen und was auch immer, geht es doch um seinen Profit. Was überzogene Gier im Management und an den Hebeln der Macht verursachen kann, ist durch viele bekannte Beispiele hinreichend belegt.

Dass Gier auch eine andere Seite hat, hören wir im Sport, wenn ein Trainer in der Kabine ruft: „Ihr müsst gierig sein“, oder wenn ein Reporter von einem Fußballteam behauptet, es sei satt von seinen Erfolgen und habe die Gier verloren.

In diesen Fällen scheint die Gier etwas Gutes zu sein, die Grundlage eines starken Willens, etwas mit mehr als ganzer Kraft erreichen zu wollen, also geradezu ein Erfolgstreiber.

Vielleicht könnte man sie als die große Schwester des Erfolgshungers bezeichnen, die Menschen und ihre Organisationen dazu bringt, mehr als die erforderlichen 100 Prozent zu leisten, die ohnehin nur die wenigsten erreichen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Größenwahn.

Ohne Größenwahn – und das ist eine positive Facette dieser Charaktereigenschaft – würde niemand auf die Idee kommen, mit 40 Kilogramm Übergewicht einen Marathon laufen zu wollen, und dies als Anreiz zum Abnehmen zu nutzen. Ebenso wäre die Zahl an Entdeckern und Abenteurern sehr viel überschaubarer, die die Menschheit weitergebracht haben.


Denken wir nur an Christoph Kolumbus, Fernando Magellan, Charles Darwin, Alexander von Humboldt oder an die fast 500 Jahre dauernden Versuche tollkühner Kapitäne, die Nordwestpassage vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean zu finden und zu meistern.

Diese wenigen Beispiele stehen musterhaft für viele andere Menschen, die man im positiven Sinne als größenwahnsinnig bezeichnen darf.

Für die andere, die negative Seite des Größenwahns stehen ebenfalls viele bekannte Namen aus der Menschheitsgeschichte.


Bildquelle: AdobeStock graphixchon


So auch unter den Entdeckern: etwa die spanischen Konquistadoren Francisco Pizarro und Hernán Cortés, die eine Schneise der Verwüstung durch Süd- und Mittelamerika zogen und das Ende der Inka und der Azteken einläuteten. Oder, ca. 1.500 Jahre früher, der verrückte römische Kaiser Nero, der sich als Schauspieler und Sänger von seinem Volk missachtet fühlte und eine Tournee durch Griechenland ankündigte. Dass Nero – Tacitus zufolge – neben der Ermordung seiner Mutter, seines Bruders und seiner blutjungen Ehefrau auch noch Rom in Brand steckte, um sich vom Feuersturm künstlerisch inspirieren zu lassen, ist jedoch nicht bewiesen. Dass er aber auf den Trümmern Roms einen strahlenden Palast bauen und Hunderte Christen wegen des Brandes hinrichten ließ, ist historisch verbrieft.

Weitere Beispiele aus der Geschichte lassen sich leicht finden, und sie zeigen unmissverständlich, wie zweischneidig Gier und Größenwahn sind.

Übertragen wir all dies aufs Management, gerät die Prominentenliste auf der dunklen Seite der Macht nicht minder illuster.

So etwa Thomas Middelhoff, der nicht nur wegen Untreue belangt wurde, sondern dazu 80.000 Euro für Hubschrauberflüge ausgab, weil er den Stau am Kamener Kreuz umgehen wollte. Oder Wendelin Wiedeking, der sich mit Porsche bei dem Versuch verschluckte, VW zu übernehmen. Und ebenso Martin Winterkorn, unter dessen Führung der Volkswagenkonzern einen hohen Preis dafür zahlen musste und immer noch zahlt, dass er zum größten Automobilhersteller der Welt werden sollte.

Wie wir sehen, ist der Grat zwischen gesunder Gier und konstruktivem Größenwahn auf der einen und ihren negativen Auswüchsen auf der anderen Seite schmal und verführerisch. Das sollten wir alle im Hinterkopf haben!

In unseren Stammhirnen arbeitet ein Urzeit-BIOS unterhalb des denkenden Betriebssystems, das stets mehr vom Kuchen will: mehr Macht und Erfolg, mehr Prominenz und Gewicht und, ja, am Ende auch mehr Geld, das integre und wirkungsvolle Manager durchaus zu Recht verdienen. Das treibt uns an und lässt uns immer besser werden wollen. Damit stehen wir in gewisser Weise in einer Reihe mit den Helden und Antihelden der Geschichte und natürlich auch der Zukunft.

Leider gehört es zur Dramatik des Erfolgs, dass er meist umso größer wird, je näher wir an der Grenze zur Gier und zum Größenwahn operieren. Und verführbar sind wir alle, wenn wir nicht stets zwischen den Reiz und die Reaktion eine Reflexion einschieben. Da wir immer im Team managen, sollten wir auch als solches stets mehr wollen und dabei positiv gierig und wohldosiert größenwahnsinnig bleiben.

Nur so gelingt es uns, einer sich immer rasanter verändernden Welt kraftvoll und disruptiv statt auf Dauer nur brav optimierend die Stirn zu bieten.

Zugleich gilt es, immer ein waches Auge auf uns selbst und aufeinander zu haben, damit niemand dem Nektar der Verführung zu nahe kommt. Denn was der eine, ob überlegt oder unüberlegt, an Falschem tut, fällt am Ende auf alle zurück.

Ihr
Matthias Kolbusa


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