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Schmerzvermeidung – die Erfolgsbremse

07. Juli 2017 | von Matthias Kolbusa | 0 Kommentare

07. July 2017 | by Matthias Kolbusa | 0 comments

Bei einer der letzten Vorstandsdiskussionen (Info und Anmeldung) haben wir in einer Runde von 20 Topmanagern herausgearbeitet, dass im Zentrum jeglicher Mittelmäßigkeit die „Schmerzvermeidung“ steht. Sie ist es, was dazu führt, dass das bestehende Innovations- und Produktivitätspotenzial nicht ausgeschöpft, der durchaus mögliche Erfolg nicht erreicht wird.
Und das nicht nur auf unternehmerischem, sondern auch auf persönlichem Gebiet! Der Hang zur Schmerzvermeidung, der bei uns Menschen tief in der DNA verankert ist, verhindert, dass wir zu dem werden, was wir sein könnten, oder dass wir das erreichen, was wir erreichen könnten.


Um diese Schmerzvermeidung gruppieren sich Inputorientierung, Trägheit und Feigheit (siehe Abbildung 1).

Inputorientierung
Der Macher ist uns näher als der Denker. Was das mit Schmerzvermeidung zu tun hat? Ganz einfach: Es ist weniger anstrengend, einfach „zu machen“, anstatt konsequent vom Ergebnis her zu denken. Die anstrengendste aller Arbeiten ist geistige Arbeit, abstraktes Denken. Das Denken in Zukunftszuständen. Stellen Sie sich oder Ihren Managern und Projektleitern einmal die Aufgabe, einen Aufsatz darüber zu schreiben, was genau anders sein wird, wenn die infrage stehende Strategie umgesetzt oder das Projekt beendet ist. Sie werden sehen: Es ist anstrengend, sich in die „Zeitmaschine“ zu setzen, die Augen zu schließen und zu „sehen“, was anders sein wird. Da ist es viel einfacher, sich hinzusetzen und mal eben die nächsten Schritte zu fixieren und einen Masterplan zusammenzuschustern, der anschließend stur abgearbeitet wird. Das ist reine Inputorientierung: die Fokussierung auf Pläne und Aktivitäten. Ein solches Vorgehen ist einfacher, und es ist bequemer. Aus diesem Grund hegen viele Manager eine Aversion gegen „Strategie“, wobei ich hier wirklich Strategie meine und nicht irgendeine Pseudostrategie, wie sie überall anzutreffen ist. Bei Pseudostrategie-Sitzungen kommt so etwas wie ein „strategischer Plan“ raus – was ein Widerspruch in sich ist (mehr dazu in meinem Buch „Umsetzungsmanagement. Wieso aus guten Strategien meist nichts wird“; hier bestellen).
Was das Privatleben betrifft, gilt das Gleiche: Statt vom Ergebnis ausgehend darüber nachzudenken, was alternative Zielzustände in – beispielsweise – fünf Jahren sind, um den eigenen Lebenszielen am besten gerecht zu werden, denken wir entweder lieber gar nicht erst darüber nach oder machen eben das Naheliegende: Wir handeln einfach aus einer akuten Unzufriedenheit heraus. So fragen wir nach einer Gehaltserhöhung, um das finanzielle Dilemma zu bekämpfen, in dem wir uns befinden, oder wir konzentrieren uns mehr auf die Arbeit als auf unsere Lieben, um endlich den ersehnten Karrieresprung zu machen, oder wir fangen eine Diät nach der anderen an. Das alles sind vielleicht nützliche Maßnahmen auf dem Weg zu einem bestimmten Zielzustand. Ist es aber auch wahrscheinlich, dass es die richtigen und auch die ausreichenden sind, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen? Wohl kaum. Denn würden wir für uns selbst eindeutig klären, was wir vom Leben wirklich wollen, und von dem Ergebnis her ausgehend einige wichtige Schlüsse ziehen, ergibt sich garantiert so manche sehr unangenehme Notwendigkeit. Daher lassen wir das Ganze lieber … Schmerzvermeidung.
Im Arbeitsalltag würde eine echte Ergebnisorientierung bedeuten, dass wir alles mit einem „Wozu?“ beziehungsweise „Warum?“ hinterfragen. Wozu sitze ich in diesem Meeting? Kann ich hier einen Beitrag leisten? Warum ist es notwendig, dass ich dabei bin? Wenn sich eine solche Notwendigkeit nicht feststellen lässt, entschuldigen Sie sich freundlich und gehen Ihrer Wege. Wenn Sie jedoch unsicher sind, wie Sie diese Fragen beantworten sollen, klären Sie auf eine freundliche Art und Weise die Situation. Zugegeben, beides ist unangenehm! Deshalb entscheiden sich viele lieber für die Schmerzvermeidung und lassen sich einfach mittreiben. Wozu soll dieses Konzept oder diese Präsentation eigentlich erstellt werden? Ist sie wirklich notwendig, um mit dem Projekt voranzukommen? Ein klärendes Gespräch mit dem Projektleiter? Nein, lieber nicht. Das könnte ja unangenehm werden: Schmerzvermeidung wegen Inputorientierung.

Trägheit
Immanuel Kant hat es vor gut 200 Jahren auf den Punkt gebracht: Die beiden Hauptgründe dafür, dass die meisten Menschen zeit ihres Leben ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit treu bleiben, sind Faulheit und Feigheit. Neben der mangelnden Ergebnisorientierung ist es die uns allen innewohnende Trägheit, die verhindert, dass wir das machen, was tatsächlich notwendig ist.
Das Notwendige ist meist unbequem; wäre es bequem, hätten wir es schon getan oder wären dabei, es zu tun.

So drücken wir uns ständig davor, das zu tun, von dem wir eigentlich wissen, dass es getan werden muss. Wir sind faul. Machen wir uns nichts vor! Und es ist der tägliche Kampf um die Überwindung der eigenen Trägheit, der darüber entscheidet, ob wir mit uns, in unseren Beziehungen und in unserem Job vorankommen oder nicht.
Bei diesem Kampf, den wir mit uns selber austragen, Siege einzufahren ist entscheidender für den Erfolg als alles andere: entscheidender als jede neue Idee, wichtiger als jede Entscheidung. Der einzige Gegner, mit dem wir es zu tun haben, sind wir selber mit unserer Tendenz zur Schmerzvermeidung.
Disziplin bedeutet, das zu tun, wozu wir keine Lust haben.
Spaß macht das keinen! Doch nichts verschafft uns größere Zufriedenheit, als nach getaner Tat auf die Dinge zu blicken, die wir geschafft haben und zu denen wir zuvor keine Lust hatten. Von dem vorher hoffnungslos überfrachteten Kleiderschrank, der nun wohlsortiert und von allem Unnötigen befreit vor uns steht, bis hin zu dem in die Wege geleiteten und gestarteten Umstrukturierungsprogramm, das längst überfällig war: Je schneller wir die Dinge angehen, umso besser, denn mit der Zeit werden diese „Ungeheuer“ immer größer.

Feigheit
Der dritte Faktor bei der Schmerzvermeidung ist die Feigheit. Nicht aus Trägheit werden die Dinge vor sich hergeschoben, sondern aus Angst – aus Angst davor, dass etwas schiefgeht und man (oder andere) anschließend doof dastehen könnte, dass man sich für etwas schämen oder schuldig fühlen muss oder zurückgewiesen wird. Daher unternimmt man lieber nichts. Besser nicht die attraktive Dame am anderen Tisch ansprechen, sie könnte einen ja zurückweisen. Schmerzvermeidung – hier sogar nur vermeintliche Schmerzvermeidung, denn wer weiß schon, wie sich das Gespräch entwickeln würde – erscheint uns die bessere Wahl. Sie sitzt ganz tief drin in unserer DNA, diese Tendenz zur Schmerzvermeidung, und behindert beziehungsweise verhindert unsere Entwicklung. Es gibt keine andere Alternative: Wir müssen sie überwinden! Wir müssen die Angst ganz bewusst wahrnehmen, sie überwinden und den notwendigen Schritt gehen. Das ist Mut. Mut bedeutet nicht die Abwesenheit von Angst!
Nicht nur, dass wir bei uns diesen Schmerz vermeiden wollen. Wir wollen auch andere ständig davor bewahren. Ob es darum geht, dass wir unsere Tochter lieber nicht auf den Baum klettern lassen, weil sie ja runterfallen könnte, oder in einem Meeting dem Kollegen nicht sagen, dass wir von seiner Idee rein gar nichts halten: In beiden Fällen sind wir zu feige, ein Risiko einzugehen. So berauben wir unsere Tochter vielleicht einer tollen Erfahrung und den Kollegen der Möglichkeit, auf eine viel bessere Idee zu kommen. Es gilt, bewusste Risiken einzugehen, und das in einem größeren Ausmaß, als wir es bisher getan haben und noch immer tun.

Dieser Drei-Komponenten-Cocktail aus Inputorientierung, Trägheit und Feigheit ist es, was dazu führt, dass wir und unsere Unternehmen häufig in der Mittelmäßigkeit und nicht selten in einer dauerhaften Unzufriedenheit verharren.
Diesen drei Faktoren nicht nachzugeben ist nahezu unmenschlich, und unreflektiert zu handeln, sich dem Fluss der Dinge hinzugeben, das führt zu einer feigen, aber bequemen Aktivitätenorientierung. Deshalb: Nutzen wir unseren Verstand und machen wir das, was notwendig ist, nicht das, was naheliegend ist.

Einen guten Wirkungsgrad wünscht Ihnen
Ihr Matthias Kolbusa

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