Deutsch | Englisch

German | English

Schliessen

close

Perfektionismus – ein Zeichen von Unsicherheit mit schwerwiegenden Folgen

21. März 2017 | von Matthias Kolbusa | 2 Kommentare

21. March 2017 | by Matthias Kolbusa | 2 comments

In welchem Rahmen auch immer und ob im Kleinen oder im Großen: Perfektionismus im Management ist keine Tugend, sondern eine Schwäche. Nicht selten ist er ein Mittel, um zu vertuschen, dass man unfähig ist, mit Unschärfe und Unsicherheit umzugehen. Hierbei werden erhebliche Ressourcen verschwendet, enorme Produktivitätspotenziale unbeachtet gelassen und meist weit unter der eigentlich möglichen Geschwindigkeit gehandelt.

Typische Situationen, in denen sich Perfektionismus nachteilig auswirkt
Es gibt meiner Beobachtung nach unzählige Situationen, in denen Perfektionismus eine große Rolle spielt und erhebliche negative Auswirkungen entfaltet, indem er Ressourcen und Energien bindet. Im Folgenden werden die wichtigsten kurz beleuchtet.

Präsentationen
Bereits mehrere Tage vor der Sitzung wird damit begonnen, an einer Präsentation zu arbeiten. Im Zweifel werden sogar ganze Stäbe und diverse Berater damit beschäftigt, passende Grafiken und Bilder herauszusuchen, um das zu Vermittelnde zu verdeutlichen oder auch nur zu untermalen. Ob im Kleinen oder im Großen: Wenn es nicht gerade um Unterhaltung geht – und das tut es im Management nie –, bedeutet dies eine unglaubliche Zeit- und Ressourcenverschwendung. Natürlich sind Präsentationen auch immer ein Verkaufsmittel und daher im Rahmen des Produktmanagements und des Vertriebs in Teilen (!) wirklich relevant. Doch bei internen Projektsitzungen oder Sitzungen des Lenkungsausschusses? Was wird nicht alles an Energien aufgewendet, um an den Präsentationen für den Lenkungsausschuss übermorgen noch zu feilen, statt die gesamte Energie auf die Wertschöpfung des Projektes zu richten! Warum nicht in einem Prosatext (Prosa zwingt zum Denken und vermittelt Inhalte wesentlich präziser!) den aktuellen Stand zusammenfassen und die fünf Entscheidungserfordernisse auf ein Flipchart skizzieren – und dann ab in die Sitzung des Lenkungsausschusses? Das war’s mit der Vorbereitung und nun wieder ran an die eigentliche Arbeit! Doch stattdessen wird um jedes Wort gerungen, am Text geschliffen und gefeilt, und nicht selten wird auch noch eine interne Sitzung anberaumt, bei der erneut eine jede Formulierung auf den Prüfstand gestellt wird, obwohl das Ergebnis später sowieso niemanden interessiert.
Übrigens: Das Verfassen einer Vorbereitung in Form eines Prosatextes zum aktuellen Status zwingt nicht nur den Sender, schärfer und gründlicher nachzudenken, sondern veranlasst auch den Empfänger, sich wirklich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Das ist in jedem Fall produktiver, als ein paar PPT-Stichpunkte zu überfliegen.

Analysen
80 Prozent der Analysen kann man sich getrost schenken, da man sowieso bereits weiß, was bei ihnen herauskommen wird. Daher sind die mit der Analyse betrauten internen Projektleiter, Mitarbeiter und auch Berater nicht selten frustriert, wenn sie sich nach tage- oder gar wochenlanger Analysearbeit bei der Präsentation der Ergebnisse (für die man natürlich besonders viel Mühe und Arbeit aufgewendet hat – siehe oben) anhören dürfen: „Das hätte ich Ihnen auch vorher sagen können!“ Die Früchte der Arbeit sind also in Wahrheit gar keine, denn es kam zu keinem zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Und genau der ist der einzige und wirkliche Sinn jeglicher Analyse!
Warum also nicht das Pferd von hinten aufzäumen? Jedes Mal wenn ich beispielsweise ein Produkt- oder Wettbewerbsportfolio im Rahmen einer Strategiearbeit zu bewerten habe, drehe ich den Spieß um: Das Portfolio wird auf einem Flipchart dargestellt, und die Entscheider werden nach ihren Einschätzungen gefragt. Zum Beispiel: „Welche Positionen nehmen Ihrer Meinung nach die Geschäftsfelder bezüglich ihrer Attraktivität (eine Achse) und der eigenen Wettbewerbsstärke (andere Achse) ein?“ Darauf folgt eine kurze Diskussion, und fertig ist das Geschäftsfeld-Portfolio. Die entscheidende Frage wird im Anschluss daran gestellt: „Bei welcher Bewertung haben Sie ein mulmiges Gefühl oder fühlen Sie sich unsicher?“ Die Antworten werden gesammelt und können detailliert analysiert werden, weil das möglicherweise zu einem Erkenntnisgewinn führt. Doch um die Wahrheit zu sagen: Meistens muss nichts mehr analysiert werden, denn es ist ausreichend Kompetenz um den Tisch versammelt. Und ob nach einer erfolgten Analyse der eine Aspekt einen Zentimeter weiter nach rechts auf der entsprechenden Achse rutscht oder nach links beziehungsweise nach oben oder unten – wen kümmert’s? Es ist nicht maßgebend für die Entscheidung. Deshalb also lieber das Pferd von hinten aufzäumen und die Ressourcen und Energien ins TUN stecken.
Frei nach Goethe: Die drei Buchstaben des Erfolges sind: T, U, N.

CM - webinar banner

Befragungen
Ganz ähnlich wie Analysen sind auch Befragungen zu sehen. Nicht selten sind sie ein Teil der Analysen oder dienen diesen. Wozu Kunden befragen, wie sie unsere Produkte einschätzen oder was sie von uns erwarten, um die Antworten anschließend mühevoll auszuwerten? Oder warum sollen wir die Mitarbeiter befragen, was sie sich von ihrem Arbeitgeber wünschen beziehungsweise welche Erwartungen Sie an ihn stellen? Es ist die Aufgabe von uns, die wir im Management tätig sind, darüber nachzudenken! Wir können und dürfen uns nicht der Unmündigkeit hingeben und von anderen erwarten, dass sie uns sagen, wo die Reise hingehen soll. Faulheit und Feigheit sind die beiden Gründe, die Kant dafür anführt, dass die meisten von uns zeitlebens in ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit verharren. Befragungen sind ein Auswuchs dessen. Lassen wir das doch einfach alles sein und widmen uns dem Nachdenken. Wir wissen, wo wir stehen! Also überlegen wir doch besser, was nun zu tun ist, als darauf zu hoffen, dass wir mit unserer kritischen Einschätzung falschliegen.

E-Mails und Telefonate
Ein weniger bedeutender, aber dennoch nicht unerheblicher Aspekt in diesem Kontext ist das Schreiben und Beantworten von E-Mails. Warum jemandem ausführlich schreiben, wenn man etwas für den Vortag Vereinbartes nicht bekommen hat? Ich klicke kurzerhand auf „Allen antworten“ und füge in das Textfeld lediglich „??“ (zwei Fragezeichen) ein. Der Betreffende weiß dann schon sehr genau, was gemeint ist. Sie empfinden das als unhöflich? Ich nicht, denn derjenige, der sich an eine Vereinbarung nicht gehalten hat, ist es, der sich unhöflich verhalten hat.
Was die Entscheidung zwischen einer E-Mail und einem Telefonat betrifft, bin ich folgender Ansicht: Warum soll ich einen komplizierten Sachverhalt in einer E-Mail darlegen, wenn ich letztlich doch mit dem Empfänger sprechen muss? Dann kann ich doch auch gleich zum Hörer greifen! Und wenn der andere nicht erreichbar ist, wird eben ein Telefontermin vereinbart. Bitte erledigen Sie das selber und nicht über Ihr Sekretariat (derer von uns nicht wenige sogar zwei haben). Die dort tätigen Mitarbeiter können Besseres mit ihrer Zeit anfangen.

Besprechungen
Was hat Perfektionismus mit Besprechungen zu tun? Ganz einfach: Viel zu häufig meint man, alles im Detail besprechen oder auch jeden Redebeitrag zulassen zu müssen. Um es noch konkreter zu machen: Was ist der wirklich notwendige Kontext, den die Kollegen verstehen müssen, um einem zu helfen oder um gemeinsam eine Entscheidung treffen zu können? Häufig ist es unsere Unfähigkeit, die uns als Sender viel mehr erzählen und beschreiben lässt, als eigentlich notwendig ist. Umgekehrt gilt dasselbe: Was muss ich als Empfänger wirklich verstehen, um mir eine Meinung bilden und mich an der Entscheidung beteiligen zu können? Sind die Details, nach denen ich suche, Ausdruck von Misstrauen oder Unsicherheit meinerseits? Oder sind sie wirklich notwendig zur Entscheidungsfindung? Beobachten Sie Ihr Verhalten und reduzieren Sie den Umfang der Beiträge bei Ihren Besprechungen auf das notwendige Maß. So steigern Sie die Geschwindigkeit, mit der Meetings ablaufen und Entscheidungen getroffen werden. Wie bereits oben erwähnt: Geschwindigkeit ist der Wille, Ziele oder Aufgaben im maximal möglichen Tempo zu erreichen. Das maximal mögliche Tempo ist der schmale Grat zwischen Umsichtigkeit und Fahrlässigkeit. Die wenigsten von uns müssen sich dabei Sorgen machen, dass sie fahrlässig handeln, vielmehr sind sie zu vorsichtig.

Planung
Ob es um eine Projekt- oder eine Budgetplanung geht: In jedem Fall handelt es sich um einen der größten Ressourcen- und Produktivitätsvernichter. Um das zu verstehen, machen Sie sich zwei Dinge klar:
Planung ist kein wertschöpfender Akt, sondern lediglich ein Mittel zum Zweck.
Es kommt a) immer anders und b) als gedacht.
Sollten wir demzufolge nicht einfach jegliche Planung unterlassen? Das wäre wahrscheinlich zu viel des Guten, da wir Orientierung und Sicherheit brauchen, dass die Dinge, die als Nächstes angegangen werden sollen, sinnvoll sind. Was jedoch ist als sinnvoll zu betrachten? Sinnvoll ist das, was im Sinne der Zielerreichung aus der Menge der Handlungsalternativen (wegen der begrenzten Ressourcen müssen wir auswählen und Prioritäten setzen) das Wirkungsvollste ist. Das Gegenteil davon ist blinder Aktionismus. Die Frage, die sich stellt, ist also folgende: Wie viel Planung hilft, ein entsprechend sinnvolles Handeln zu unterstützen? Hilft es wirklich, die kommenden 18 Monate eines Projektes zu planen? Hilft es wirklich, die Mittelfristplanung für drei Jahre auf dem Detailniveau zu machen? Wohl kaum! In beiden Fällen ist es viel klüger und damit sinnvoller, auf zahlreiche Facetten der Planung einfach zu verzichten. Es ist ein Perfektionsauswuchs der beteiligten Manager, die mit Unschärfe und Unsicherheit nicht umgehen können, eine Scheinsicherheit vorzugaukeln. Dadurch, dass ein riesiges GANT-Chart an der Wand hängt, ist nichts sicherer, nichts wahrscheinlicher geworden. Aber es fühlt sich gut an, oder? Genau! Dabei verschlingt es erhebliche Ressourcen und bringt für die Sache rein gar nichts.

Notwendige Einstellungen und wie man sie trainiert
In den beschriebenen und in vielen anderen Situationen gilt es, sich selber und andere zu beobachten: Warum möchte und verlange ich hier mehr Genauigkeit? Wieso brauche ich hier weitere Details, und aus welchem Grund bereite ich das so intensiv vor oder beschäftige andere damit? Um mit meiner Unfähigkeit, mit Unschärfe und Unsicherheit umgehen zu können, klarzukommen beziehungsweise um diese zu kaschieren? Oder weil ich im Zweifel womöglich fahrlässig handeln würde? Letzteres ist äußerst selten der Fall! Beobachten Sie sich selber, mehr muss man meiner Erfahrung nach nicht tun. Wie in der Quantenphysik verändert sich das Beobachtete allein schon durch die Beobachtung.

Viele Freude, Ihr Matthias Kolbusa

Kolbusa Konsequenz AD

Diesen Beitrag teilen:

Share this:

Kommentare

Comments

1428

*Feld wird benötigt.

Kommentar absenden

*Madatory Field

Submit comment

Weitere Kommentare laden

Load more comments

Ähnliche Blogbeitäge

Related Blog Posts

Ihnen gefällt Kolbusas Blog?

You like Kolbusas blog?

Dann mögen Sie sicherlich auch seinen monatlichen Inspiration Letter.

Then you will surely like his monthly inspiration letter.

Mehr Infos

More Info